Anzeige

Wenn Frauen zur Hobby-Psychologin werden

Wenn Frauen zur Hobby-Psychologin werden
© iStock/Thinkstock
Viele Frauen finden die Rolle der Hobby-Psychologin unglaublich verlockend. Jeder neue Schwarm wird analysiert. Leider ist er dann oft schneller wieder weg, als man gucken kann...

Es ist noch nicht lange her, da haben meine Freundin S. und ich auf ihre neue Liebe angestoßen. Endlich habe sie einen tollen Mann kennen gelernt, sagte sie, der eine Beziehung wolle und nicht nur eine Affäre. Ein Holländer! Der Sex sei fantastisch! Als er sie schon bald darauf am Wochenende zu seinen Eltern nach Holland einlud, jubelte S.: Das sei ja wohl ein Zeichen dafür, dass er sie auch für die Richtige halte! Mit 37 habe sie endlich den Mann fürs Leben gefunden! Und dann passierte das.

Wieder in Deutschland angekommen, hielt sie ihrem Holländer folgenden Vortrag: "Du hast behauptet, dass du in einer normalen Familie aufgewachsen bist und deine Eltern glücklich miteinander sind. Aber deine Mutter darf ja den Mund nicht aufmachen, dein Vater stellt sich permanent in den Vordergrund." S. war nicht zu stoppen: "Mit diesem Vorbild kannst du gar keine gesunde Beziehung zu einer Frau aufbauen." Kurz danach teilte der Holländer S. mit, dass er Abstand bräuchte, Zeit für sich.

S. saß heulend in meiner Küche und verstand die Welt nicht mehr. Schließlich wollte sie doch gar nicht Schluss machen, "ganz im Gegenteil!": Sie wollte zeigen, wie feinfühlig sie ist. Dass sie in der Lage ist, an jemandem etwas zu erkennen, was der noch nicht mal selbst erkennt. "Ich verbringe doch nicht umsonst jeden Montag beim Therapeuten!"

Männer wollen nicht analysiert werden

Meine Freundin S. scheint kein Einzelfall zu sein. Das erkennt man, wenn man Kontaktanzeigen von Männern im Internet studiert: "Ich bin seit zwei Jahren geschieden. Erfolgreich als selbständiger Unternehmer, suche ich eine nette Frau, die auch Ahnung vom Leben hat. Bitte keine Beziehungsgestörten, keine ungepflegten Frauen oder Hobby-Psychologinnen", schreibt ein Mann. Und ein anderer: "Ich wünsche mir eine Frau, die emotionale Intelligenz vorweisen kann, aber bitte keine Hobby-Psychologin. Davon hatte ich genug."

Solche Kontaktanzeigen stammen meistens von Männern um die 40, die genau wissen, was sie nicht wollen. Hobby-Psychologinnen scheinen auf dieser Liste ganz oben zu stehen. Selbst wenn sie emotionale Intelligenz vorweisen können. Lieber für immer allein als mit jemandem zusammen, der einen dauernd analysiert und es auch noch gut damit meint.

S. ist ein Extremfall, klar. Aber andererseits: Stellen wir Frauen als Zeichen unserer Feinfühligkeit nicht alle mindestens zwei psychologische Annahmen pro Tag auf, basierend auf unseren Erfahrungen und Beobachtungen? Ein kleines bisschen Hobby-Psychologie muss ja wohl noch erlaubt sein, oder?

"Frauen sind Weltmeisterinnen darin", sagt die Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin Julia Onken. Und sie meint es nicht als Lob. Onken ist Autorin mehrerer Beziehungs-Bestseller, in denen es um ein zentrales Thema geht: Einige Frauen können es einfach nicht lassen, ihre Männer umzuerziehen. Sie therapieren so lange an ihnen herum, bis die Beziehung irgendwann am Ende ist.

Männer sagen selten: "Ich habe zwar nicht Psychologie studiert, aber..." Von Frauen hört man diesen Spruch dagegen dauernd. Danach kommt eine Ode an die eigene Menschenkenntnis. Die angeboren, in schwierigen Beziehungen erlitten oder in vielen Therapiesitzungen angelernt ist.

A., eine andere Freundin, glaubt beispielsweise, dass ihr tiefes Verständnis der menschlichen Psyche eine magische Anziehungskraft hat. "Das habe ich außer dir noch niemandem erzählt - das ist der häufigste Satz, den ich in meinem Leben höre", erzählt sie stolz. "Bei mir fangen die Menschen automatisch an, ihre Seele auszuschütten."

Hobby-Psychologinnen sehen sich als Expertinnen für das Seelenleben ihrer Männer. Oder, fast noch mehr, ihrer Männer in spe. Wenn der Mann zögert, mit ihr überhaupt eine Beziehung einzugehen, wird eine Psycho-Schablone nach der anderen aus der Schublade gekramt: 1. Er traut sich nicht, weil er in der Vergangenheit zu oft verletzt wurde. 2. Er muss sich erst mal beweisen, dass er der Herr der Lage ist, weil er einen dominanten Vater hatte. 3. Er hat Angst vor selbstbewussten Frauen, weil er selbst über wenig Selbstbewusstsein verfügt. Oder zumindest mit der Größe von seinem Penis unzufrieden ist. An ihr kann es jedenfalls nicht liegen.

Aber die Hobby-Psychologin wäre ja bereit, mit ihm an seinen Macken zu arbeiten - so lange, bis er geheilt ist. "Die Männer wissen, wohin das Analysieren führt: nämlich, dass Frauen sie nach ihrer Vorstellung hinbiegen wollen", erklärt Julia Onken. Also ergreifen sie die Flucht. Im letzten Jahr wurde sogar allen Ernstes ein Buch herausgebracht mit dem Titel: "Herbert, sitz! Männer sind wie Hunde - ein Erziehungsratgeber". Dieses Buch beschreibt, wie man einen Mann hält und erzieht. Loben (Belohnen) ist dabei das Schlüsselwort. Die Männertypen werden dort in Hunderassen eingeteilt: der Schäferhund (Beschützer), der Terrier (Witzbold), der Windhund (Jäger) und so weiter.

Es gibt einen Grund, warum man sich in jemanden verliebt und ihn heiratet: die eigenen Defizite

Nun gibt es natürlich Männer, die tatsächlich beziehungstechnisch ein wenig therapeutische Aufarbeitung gebrauchen können. Angeblich sind es gar nicht so wenige: "Zwischen 30 und 40 Prozent aller Männer sind Muttersöhne", behauptet der Heidelberger Psychologe und Paartherapeut Roland Kopp-Wichmann, Autor des Buches "Frauen wollen erwachsene Männer". Abgesehen von sofort erkennbaren, klassischen Muttersöhnen, die mit 40 noch bei ihrer Mutter leben, gibt es laut Kopp-Wichmann auch noch verdeckte: den Casanova, den Macho, den Prinzen, den Frauenretter. Alle diese Männertypen haben laut Kopp-Wichmann eins gemeinsam: Sie haben es nicht geschafft, sich von ihrer Mutter zu lösen. Deshalb haben sie zu ihr im Erwachsenenalter einen "unangemessenen" Kontakt - entweder gar keinen oder einen viel zu intensiven. Wenn diese Männer es schaffen, eine lange Beziehung mit Frauen einzugehen, wollen sie von ihrer Partnerin wie ein Kind umsorgt werden.

Für Hobby-Psychologinnen sind solche "Kinder" natürlich ein gefundenes Fressen. Doch auch hier ist die Laien-Therapie leider zwecklos. Kopp-Wichmann rät stattdessen zu einem - Achtung! - echten Therapeuten, vorzugsweise männlich, denn das mache es dieser Sorte Männer leichter.

Wer das Therapieren trotzdem einfach nicht lassen kann, muss leider bei sich selbst anfangen. "Es gibt einen Grund, warum man sich in jemanden verliebt und ihn heiratet: die eigenen Defizite", sagt Julia Onken. Und die zu erkennen und an ihnen zu arbeiten - das ist die eigentliche Aufgabe.

Text: Alia Begisheva BRIGITTE 05/2014

Mehr zum Thema

VG-Wort Pixel