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"Partnerschaft wird heute überbewertet"

"Partnerschaft wird heute überbewertet"
© Shutterstock/ Strawberry Mood
Elena-Katharina Sohn berät seit mehreren Jahren Menschen mit Liebeskummer und hat gelernt: je komplizierter die Beziehung, desto größer der Trennungsschmerz.

BRIGITTE: Frau Sohn, Ihre Agentur heißt "Die Liebeskümmerer". Was wollen die traurigen Menschen, die sich bei Ihnen melden, genau von Ihnen?

ELENA-KATHARINA SOHN: Alle wollen vor allem Hilfe gegen diesen Schmerz, dem sie so ohnmächtig gegenüberstehen. Viele haben sich schon im Freundeskreis ausgetauscht und suchen jetzt einen professionellen Rat. Aber es gibt auch Leute, die ihren Liebeskummer mit ihren Freunden gar nicht so sehr teilen, weil sie fürchten, nicht genug Verständnis zu bekommen. Oder weil sie schon so lange Liebeskummer haben, dass sie denken: Ich kann das keinem mehr zumuten.

Verständlich. Jeder, der schon mal Liebeskummer hatte, weiß, wie schlimm sich das anfühlt. Aber er wird unter Erwachsenen tatsächlich meist nicht besonders ernst genommen.


Ja. Ich sehe immer wieder die gravierende Diskrepanz zwischen dem, wie sich die Leute bei Liebeskummer fühlen, und wie er öffentlich angesehen ist. Ich hatte mal eine ältere Dame um die 70 in der Beratung, die vorher einen Partner durch Tod verloren hatte und nun einen durch Trennung. Sie sagte, das Verlieren des Partners durch Trennung sei für sie schlimmer gewesen. Natürlich ist das eine sehr provokante Aussage. Aber beim Verlust des Partners durch Tod wusste sie: Das ist unabänderlich. Nach dem Verlassen werden quälten sie dagegen Zweifel: Warum hat er sich gegen mich entschieden? Hätte ich etwas anders machen können?

Gibt es eine Dauer und Intensität von Liebeskummer, von der Sie sagen würden: Das ist nicht mehr normal, da braucht es therapeutische Hilfe?

"Normal" ist ein schwieriges Wort, da es so viele falsche Faustregeln gibt, wie zum Beispiel: Der Liebeskummer dauert halb so lang, wie die Beziehung gedauert hat. Das ist totaler Blödsinn. Meiner Erfahrung nach hat die Intensität des Liebeskummers kaum etwas damit zu tun, wie lang die Beziehung war. Und die Leute bauen sich durch solche Regeln noch zusätzlich Druck auf, weil sie denken, sie dürften nicht fühlen, was sie fühlen. Aber auf jeden Fall sofort Hilfe suchen muss man, wenn man Suizidgedanken hat. Was die Dauer angeht, kann man sagen, dass in der psychologischen Terminologie Liebeskummer als "Anpassungsstörung" definiert ist. Die gilt allgemein als therapiebedürftig, wenn sie länger als zwei Jahre anhält.

Wer leidet am schlimmsten?

Den schlimmsten, wirklich existenziellen Liebeskummer haben meiner Erfahrung nach Menschen, die aus sehr komplizierten Partnerschaften kommen. Zum Beispiel mit einem narzisstischen Partner, wo keine Beziehung auf Augenhöhe geführt wurde. Oder Frauen, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hatten. Dahinter erkennt man ein gewisses Muster: Den schlimmsten Liebeskummer haben Menschen, die in der Beziehung ihre eigenen Bedürfnisse sehr zurückgestellt haben, weil ihnen Partnerschaft wichtiger ist als alles andere. Und das sind auch genau die, die oft in eher schwierigen Beziehungen feststecken. Weil sie eben um jeden Preis in einer Partnerschaft sein wollen und dafür sehr viel in Kauf nehmen.

Es gibt ja auch Leute, die hatten als Single ein glückliches Leben mit vielen Interessen und Freunden – und werfen alles über Bord, sobald sie jemanden kennenlernen.

Ja, und nach der Trennung fallen diese Menschen erst einmal in ein sehr tiefes Loch. Aber meiner Erfahrung nach sind die es auch, die es schaffen, da doch relativ schnell wieder rauszukommen. Am allerschlimmsten erwischt es diejenigen, die kaum einen anderen Zugang zu Glück kennen als durch Partnerschaft. Ich habe hier Leute, die sich eigentlich immer noch mit jemandem liiert fühlen, der sie vor vier Jahren verlassen hat. Sie können nicht loslassen, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass ihr Lebensglück nicht von jemand anderem abhängt, sondern ihre eigene Verantwortung ist.

Die Schwere des Liebeskummers hat also vor allem mit einem selbst zu tun?

Liebeskummer ist nach einer Trennung normal. Aber ich habe mich oft gefragt, woran es liegt, dass der eine zwar leidet, aber es ihm relativ schnell wieder besser geht, während andere in einer vergleichbaren Situation an ihrem Kummer geradezu zerbrechen. Ich habe daher unsere Kunden immer wieder gebeten, ihr "Glücksherz" zu zeichnen: ein Herz und darin anteilig groß all das, was zu ihrem persönlichen Lebensglück beiträgt, zum Beispiel Freunde, Familie, Hobbys, eine befriedigende Arbeit und natürlich auch Partnerschaft. Bei den Leuten, die den schwersten Liebeskummer hatten, war das Herz immer zu mindestens 50 bis 90 Prozent mit "Partnerschaft" ausgefüllt. Wenn ich mein Herz so aufbaue und mir dann der riesige Partnerschaftsanteil weg- bricht, dann zerbricht das Herz völlig. Wenn man aber mehrere Glücksquellen jenseits von Partnerschaft hat, bricht zwar immer noch eine große Ecke heraus, aber das Herz als solches bleibt stabil.

Und die Kunden, denen Sie das mitteilen, sagen dann: Aha, ich soll Beziehungen also einfach nicht mehr so wichtig nehmen, na, schönen Dank auch.

Das ist tatsächlich oft die erste Reaktion: "Ach, ich soll Partnerschaft also nicht so ernst nehmen" oder "Ihr glaubt also nicht an die wahre Liebe". Aber das ist genau das Missverständnis. Denn jemand, der sein Lebensglück weitgehend abhängig von Partnerschaft macht, wird selbst nie ein guter Partner sein. Er wird immer zu einer Abhängigkeit nei- gen. Man muss sich daher andere, eigene Glücksquellen erschließen.

Das ist oft leicht gesagt ...

Ja, aber für viele Betroffene ist es ein Anstoß. Der geliebte Mensch ist weg, keiner kann ihn zurückholen. Aber an seiner eigenen Situation kann man etwas ändern. Und wenn man merkt, dass man Schwierigkeiten hat, sich neue Glücksquellen zu erschließen, weil man vielleicht Probleme mit Selbstliebe und dem eigenen Selbstwertgefühl hat, kann man an diesem Punkt weitermachen. Kein Therapeut der Welt wird jemanden wegschicken, der wegen Liebeskummer kommt.

Was empfehlen Sie Anrufern, die gerade erst verlassen worden sind und außer sich vor Kummer? Ganz banal: essen, trinken, schlafen. Es kommt sehr oft vor, dass hier Leute anrufen, die sagen, sie hätten drei Tage nichts mehr gegessen, und die körperliche Erschöpfung macht alles noch schlimmer. Ich rate außerdem, sich jeden Tag gezielt etwas Gutes zu tun. Und sich mit Menschen zu umgeben, denen man nicht vorspielen muss, dass es einem blendend geht.

Oft hört man den Rat, man solle der verflossenen Liebe einen Brief schreiben und ihn dann wegschmeißen. Sie dagegen empfehlen, den Brief tatsächlich abzuschicken. Warum?

Jeden mit Liebeskummer treibt die Frage um, ob man nicht doch noch eine Chance hat, wieder zusammenzukommen. Und nicht wenige fangen dann an zu taktieren: Sie versuchen, den Ex-Partner eifersüchtig zu machen, oder verhängen eine komplette Kontaktsperre, weil sie ho en, dass so seine Sehnsucht wächst. Aber meine Erfahrung ist: In den wenigen Fällen, wo Paare tatsächlich wieder zusammengekommen sind, lag es immer daran, dass sie ehrlich zu ihren Gefühlen gestanden haben, auch zu ihrem Schmerz. Aber ich möchte auch keine falsche Hoffnung machen. Denn vor allem hilft der Brief einem selbst, einen Abschluss zu finden und loszulassen: Ich habe noch ein- mal ausgesprochen, was mir wichtig war — mehr kann ich nicht tun. 

Hat Liebeskummer etwas Gutes?

Ja, absolut! Ganz selten gibt es Phasen im Leben eines Menschen, in denen so viel Potenzial für Weiterentwicklung steckt. Verlassen zu werden ist erst einmal eine emotionale Katastrophe. Aber im Rück- blick kommen viele Menschen irgendwann zu dem Schluss, dass der Liebeskummer eine so positive Entwicklung für ihr Leben in Gang gesetzt hat, dass sie dem Ex-Partner dafür fast dankbar sind.

Klingt fast zu erwachsen ...

Ich glaube aber, dass es stimmt. Man wird durch Trennung und Liebeskummer gezwungen, sich sehr mit sich selbst, seinen Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Und das führt immer zu einem Reifungsprozess, den viele im Nachhinein als positiv bewerten. Ich höre das immer wieder, und ich weiß es auch aus eigener Erfahrung: Meine Trennung vor sieben Jahren war schließlich der Anstoß, mein Leben zu ändern und "Die Liebeskümmerer" zu gründen.

Sie schreiben, dass Partnerschaft heute überbewertet werde, gar eine Ersatzreligion sei. Andere beklagen die "Generation Beziehungsunfähig", die nicht mehr in der Lage sei, sich zu binden.

Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Die Leute, die immer nur kurz mit jemanden zusammen sind, machen das vor allem, weil sie verzweifelt und permanent nach etwas suchen, was noch größer, schöner, erfüllender ist. Partnerschaft wird heutzutage zu etwas hochstilisiert, was sie gar nicht erfüllen kann. In Filmen wird immer das Bild der einen, großen Liebe hochgehalten, die lebenslang halten muss. Ich finde das schwierig.

Weil die die wenigsten finden?

Ich hatte gerade eine Frau in der Beratung, die vier Jahre lang eine wunderschöne Beziehung geführt hatte. Sie war noch nie so glücklich wie mit diesem Mann. Aber im Nachhinein stellt sie alles infrage: "Diese vier Jahre hätte ich mir schenken können, ich habe geglaubt, dass das meine große Liebe ist, und jetzt ist er doch weg..." Ich frage mich da: Kann eine große Liebe nicht auch eine sein, die vielleicht nur sechs Monate gehalten hat, die aber unheimlich wichtig in meinem Leben war? Ich glaube nicht, dass die große Liebe zwangsläufig auf einen bestimmten Menschen beschränkt ist. Ich denke, es macht sehr bitter, wenn man das so sieht. Ich glaube, die große Liebe ist vor allem eine Fähigkeit, die wir in uns tragen — nämlich, sie zu geben und sie zu empfangen. 

Elena-Katharina Sohn, 37, ist studierte Politologin und PR- Beraterin. 2011 gründete sie die Agentur "Die Liebeskümmerer" in Berlin, für die Psychologen, Coaches und Psychothe- rapeuten telefonisch oder per Mail Menschen mit Liebeskum- mer beraten. Mittlerweile berät Sohn nach einer psychotherapeutischen Zusatzausbildung auch selbst. Ihr aktuelles Buch: "Goodbye Herzschmerz“" (240 S., 9,99 Euro, Ullstein. Mehr Informationen unter www.ullsteinbuchverlage.de).

BRIGITTE Psychologie Spezial 03/2017

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